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Leichte Sprache - Egon Eiche erzählt Geschichten

Egon Eiche ist ein alter Baum.
Egon ist eine Eiche.
Er ist ungefähr 200 Jahre alt.
Er steht im Natur-Park Kyffhäuser.
Egon erzählt Geschichten aus seinem Leben.
Zum Beispiel über Tiere, Pflanzen und das Wetter.
Und über Kaiser Barbarossa.

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Egon Eiche erzählt Geschichten

Naturpark Kyffhäuser

Naturpark Kyffhäuser
Leichte Sprache

Egon Eiche ist ein alter Baum.
Egon ist eine Eiche.
Er ist ungefähr 200 Jahre alt.
Er steht im Natur-Park Kyffhäuser.
Egon erzählt Geschichten aus seinem Leben.
Zum Beispiel über Tiere, Pflanzen und das Wetter.
Und über Kaiser Barbarossa.

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Egon Eiche, ein erfahrener alter Baum aus unseren Wäldern, spricht aus seinem Leben. Hören Sie ihm zu! Zu jeder Geschichte finden Sie eine kurze Beschreibung und den Text zum Mitlesen.

Egon Eiche, ein Baumstamm mit geschnitztem Gesicht
  1. Geschichte 1: Einleitung

    Egon Eiche stellt sich vor: Vor rund 200 Jahren wurde er als Eichel von einem vergesslichen Eichelhäher verschleppt – und schaffte es als Einziger von rund zwanzig Eicheln, ein Baum zu werden.

    Text zum Mitlesen: Einleitung

    Mein linker Ast …

    Oh, Besuch! Da will ich mich mal vorstellen. Ich heiße Egon Eiche und bin seit 200 Jahren im Naturpark ansässig – oder anständig? Wie sagt man das als Baum eigentlich? Aber ich wollte ja über mich erzählen.

    Vor etwa zweihundert Jahren fiel ich als Eichel nicht weiter vom Stamm, als ein Apfel fällt. Fast wär’s das auch schon gewesen, denn ein Eichelhäher verschleppte mich als Vorrat für den Winter. Doch ich hatte Glück, denn der Häher litt unter einer Art Alzheimer für Vögel und vergaß meinen Standort.

    So lag ich da mit rund zwanzig anderen Eicheln in der Erde und wartete auf den Frühling. Um es kurz zu machen: Von diesen Eicheln hab nur ich es geschafft, ein Baum zu werden. Es stand aber noch mehrmals auf Messers Schneide, und jedes Jahr machte ich drei Kreuze, wenn die Schafherden vorbeigezogen waren und ich noch unversehrt war.

    Mit 25 Jahren war ich dann schon ein Baum und konnte mit weniger Angst in die Zukunft blicken. Und heute …

  2. Geschichte 2: Baumalter

    Wie alt kann ein Baum werden? Mit seinen 200 Jahren ist Egon für eine Eiche noch jung. Er erzählt von jahrhundertealten Grenzeichen, Weißtannen und Eiben – und von Borstenkiefern in Kalifornien, die 6000 Jahre alt sind.

    Text zum Mitlesen: Baumalter

    Entschuldigen Sie, kennen wir uns? Ich heiße Egon Eiche. Vor zwei Tagen haben sie mich hierher verpflanzt. Obwohl man dies einem alten Baum nicht mehr zumuten sollte. Und alt bin ich wahrhaftig, über zweihundert Jahre alt.

    Weil ich gerade vom Alter spreche: Wisst ihr eigentlich, wie alt ein Baum werden kann? Also, ich mit meinen zweihundert Jahren bin noch ziemlich jung für eine Eiche. Wenn ihr aufmerksam durch die Wälder geht, trefft ihr oft auf ältere Gevattern von mir, die sogenannten Grenzeichen. Sie wurden früher gepflanzt, um die Grenzen dauerhaft zu markieren. Sie abzuhacken galt als schweres Verbrechen. So konnten sie in Ruhe fünfhundert Jahre alt werden. So alt wird kein Schwein. Aber auch kein Mensch, kein Elefant und keine Schildkröte.

    Auch die Weißtannen des Biosphärenreservats Vessertal können bis 600 Jahre alt werden. Ähnlich alt sind auch die Eiben im Biosphärenreservat Rhön. Dort hat man schon 530-Jährige gefunden. Aber für eine Eibe ist das gar kein Alter. Einige von ihnen, die schon zu Christi Geburt grünten, leben heute noch. Von uns Eichen stehen heute noch ein paar, die die Kaiserkrönung Ottos III. im Jahr 1000 miterlebt haben. Und in Kalifornien gibt es einige unscheinbare Borstenkiefern, die 6000 Jahre alt sind. Sie waren also schon 1500 Jahre alt, als man die ersten Pyramiden baute.

    Ihr seht, Eile ist für einen Baum nicht geboten. Also ruhe ich noch ein wenig.

  3. Geschichte 3: Barbarossa

    Egon erzählt vom Stauferkaiser Friedrich I. Barbarossa, der 1190 auf dem Kreuzzug ertrank, und von der Sage, er schlafe im Kyffhäuser. Als 1865 die Höhle entdeckt wurde, bekam sie deshalb seinen Namen.

    Text zum Mitlesen: Barbarossa

    Oh, meine Pfahlwurzel! Oh, äh, hab ich mich schon vorgestellt? Ich, äh, heiße Egon Eiche. Was wollte ich eigentlich erzählen? Hm? Äh, klar: vom Kaiser Barbarossa und seiner Höhle.

    Ihr habt ja sicher schon viel über den Stauferkaiser gehört, ja? Im Naturpark stolpert man ja auf Schritt und Tritt über diesen Rotbart. Das bedeutet Barbarossa nämlich. Kaiser Friedrich I., wie er eigentlich hieß, wurde so von seinen Zeitgenossen genannt. Nachdem er während des Kreuzzugs 1190 ertrunken war, ging es in Deutschland drunter und drüber. Und alle dachten, wie schön es doch wäre, wenn der Kaiser Barbarossa wiederkehrte. Es entstand die Sage, dass er sich im Kyffhäuser verberge. Als man 1865 bei der Suche nach Kupfer dann diese Höhle entdeckte, meinte man, hier müsse er sich verstecken, und nannte sie deshalb Barbarossahöhle.

    Vielleicht findet ihr ihn ja. Bestellt einen schönen Gruß von mir. Er soll endlich wieder auftauchen. Damit Ruhe herrscht. Und vor allem die Raben mir nicht mehr mit ihrem Gekrächze auf die Nerven gehen.

  4. Geschichte 4: Falkenburg

    Vor über 500 Jahren hausten auf der kleinen Falkenburg Raubritter, die vorbeiziehende Kaufleute überfielen. 1458 ließ der Herzog von Sachsen die Burg belagern und schleifen – ihre Fundamente sind oberhalb der Barbarossahöhle noch zu sehen.

    Text zum Mitlesen: Falkenburg

    Mein rechter Ast … Oh, Entschuldigung, kennen wir uns? Also, ich heiße Egon Eiche und stehe so seit 200 Jahren im Naturpark Kyffhäuser. Was wollte ich denn nur erzählen? Ach ja, von der Falkenburg, ja, ja.

    Vor über 500 Jahren lebte in diesem Gemäuer, das kleiner war als manch heutiger Bungalow, ein Ritter mit seinen Spießgesellen, ja. Und weil es in der Burg so eng und eintönig war, sorgten sie ein bisschen für Abwechslung, indem sie ausritten und vorbeifahrende Kaufleute verprügelten und beraubten. Diese Kaufleute brachten nicht so das rechte Verständnis für die Streiche der jungen Leute auf und beschwerten sich beim Herzog von Sachsen. Der schickte im Jahre 1458 ein Kriegsheer vor die Burg.

    Nach drei Tagen ergaben sich die Raubritter und ihre Kumpane, weil sie es nicht mehr mit ansehen konnten, wie sich die Belagerer auf den Füßen herumtraten. Aber man dankte es ihnen nicht. Ein paar wurden gleich aufgehängt, die anderen als Gefangene weggebracht. Die Burg wurde geschleift, dem Erdboden fast gleichgemacht. Kurz: baulich in den Jetztzustand versetzt. Ihre Fundamente könnt ihr noch oberhalb der Barbarossahöhle sehen.

  5. Geschichte 5: Vögel

    Eichhörnchen, Wildschweine, Rehe – und dann noch die Vögel: Egon klagt über Gartenrotschwanz, Amsel und Zilpzalp, die ihn schon ab drei Uhr morgens wecken, und über den Uhu, der sich nachts lautlos auf seinem Ast niederlässt.

    Text zum Mitlesen: Vögel

    Ah, meine linke Wurzel! Ah, oh, hey, ich sollte mich vielleicht mal vorstellen. Oder stellen Sie sich mal vor: Ich stehe schon 200 Jahre im Naturpark Kyffhäuser und heiße Egon Eiche. Doch weiter im Text, ich sag’s euch jetzt: Als Baum hat man es nicht leicht.

    Schon der Ärger, ehe man in die Erde kommt: Eichhörnchen, Eichelhäher, Wildschweine und früher auch Hausschweine, alle wollen ein Fressen. Dann kommt man endlich als Keimling ans Licht und muss sich vor Rehen und Schafen in Acht nehmen, dass sie einen nicht total entblättern. Wildkatzen zerkratzen unsere noch glatte Rinde, um irgendwelchen Vögeln nachzustellen.

    Überhaupt, die Vögel! Schon um drei Uhr morgens weckt einen der Gartenrotschwanz, und dann stimmt alle zehn Minuten ein neuer Vogel in den Gesang ein: Amsel, Zilpzalp, Star, und die ganze Vogelplage lässt einen tagsüber nicht in Ruhe. Nur ein Regenguss kann das stoppen. Wenn man dann denkt, nachts wird es besser, erschreckt man sich zu Tode, weil ein drei Kilo schwerer, fetter Uhu sich lautlos auf meinem Ast niederlässt, um Mäuse zu belauern.

    Aber ich will doch nur meine Ruhe … Oh!

  6. Geschichte 6: Pflanzen

    Im Pflanzenreich herrscht harter Wettbewerb um Wasser, Nährstoffe und Licht. Egon erzählt von Pilzen, die seine Wurzeln anzapfen, von Steinpilzen, die das als Hilfe verkaufen, und von Misteln, die ein weiß gekleideter Herr für einen Zaubertrank erntet.

    Text zum Mitlesen: Pflanzen

    Oh, meine rechte Wurzel! Oh, neuer Kunde, neuer Kunde – neue Runde. Kleiner Scherz. Aber wenn man 200 Jahre so im Naturpark Kyffhäuser rumsteht, muss das auch mal sein.

    Mein Name ist übrigens Egon Eiche. Wovon wollte ich gerade sprechen? Ach ja, von den Pflanzen. Und damit meine ich alles: Pilze, Farne, Flechten, Blümchen und Gesträuch. Ich kann euch sagen: Wenn der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, dann ist die Pflanze der Pflanze eine Pflanze. Oder „herba herbae planta est“, wie der Lateiner sagt. Härtester Druck von Samenheit an.

    Erst muss man um Wasser und Nährstoffe kämpfen mit all den anderen Samen, dann um Licht mit den Farnen. Und ist man erst mal ein großer Fotosynthesizer, kommen auch schon die Schmarotzer. Pilze bringen selber nicht ein Gramm Zucker zustande und zapfen meine Wurzeln an. Besonders die Steinpilze hängen an mir. Behaupten dann noch, sie würden Mineralien und Wasser des Bodens erst für mich ranschaffen.

    Und dann noch diese Eichenmisteln, diese Parasiten. Gott sei’s gelobt, erst kürzlich war wieder so ein weiß gekleideter Herr auf mir rumgeklettert, um sie abzuernten. Der braucht das für einen Zaubertrank oder so was Ähnliches.

  7. Geschichte 7: Insekten

    Maikäferlarven, Gallwespen, Eichenwickler und Bockkäfer – Egon hat mit Insekten nichts als Ärger. Am schlimmsten sind die Raupen der Eichenprozessionsspinner. Und vom toten Holz leben am Ende Hirschkäfer und Eremit.

    Text zum Mitlesen: Insekten

    Vorsicht! Stoßen Sie sich nicht den Kopf an meinem Ast! Oh weh, da bohrt er schon wieder, der Spießbock. Entschuldigung, kennen wir uns? Also, ich heiße Egon Eiche und habe mit diesen Insekten schon seit 200 Jahren nichts als Trouble. Die haben nämlich nur eins im Sinn: fressen, fressen und nochmals fressen. Und am liebsten von mir.

    Dieser Engerling, die Maikäferlarve, frisst ständig an unseren Wurzeln. Gallwespen stechen in unsere Blätter, dass wir kugelförmigen Ausschlag kriegen. Die Raupen der Eichenspinner und Eichenwickler lassen kein gutes Blatt an uns. Kleine Larven der Bockkäfer bohren sich in unser Holz.

    Wenn aber die Raupen der Eichenprozessionsspinner in riesiger, keilförmiger Formation anmarschieren, ist Holland in Not. Dann stehen wir plötzlich kahl da und sind nur noch als Brennholz zu gebrauchen. Die Larven des Hirschkäfers und des Eremiten nähren sich dann von unserem toten Holz.

  8. Geschichte 8: Specht

    Warum hämmert der Specht so laut? Egon erklärt den Unterschied zwischen der Nahrungssuche und dem Trommelwirbel, mit dem der Specht ein Weibchen beeindrucken will – und warum er dabei keine Kopfschmerzen bekommt.

    Text zum Mitlesen: Specht

    Vorsicht! Stoßen Sie sich nicht den Kopf! Entschuldigung, kennen wir uns? Ich heiße Egon Eiche und stehe hier so seit 200 Jahren. Da bin ich wohl ein bisschen abgeschweift. Dieses Gehämmer macht einen ja ganz Kopfnuss … äh, konfus. Ich weiß, der Specht ist wieder in Hochzeitslaune.

    Wenn er nur Nahrung sucht, klopft er bloß kurz an die Rinde, lauscht dann, wohin das Würmchen kriecht, und fasst es dort mit seiner langen, spitzen Zunge. Aber wenn er ein Weibchen beeindrucken will, sag ich euch, da lässt er es richtig knallen. Dann sucht er sich einen trockenen Ast, der macht mehr Krach, und schlägt seinen Trommelwirbel.

    Er kriegt ja keine Kopfschmerzen, der hat sein Gehirn in den Zungenmuskel eingepackt. Aber ich – ach, besonders bei Wetterwechsel: meine Astschmerzen!

  9. Geschichte 9: Wetter

    Eichen und Eschen sind bessere Wetterpropheten als jeder Meteorologe, meint Egon: Wer im Frühjahr zuerst grünt, verrät, ob der Sommer nass oder trocken wird. Außerdem geht es um Blitze und den alten Spruch „Vor den Eichen sollst du weichen“.

    Text zum Mitlesen: Wetter

    Oh, meine linke Wurzel! Oh, Entschuldigung, kennen wir uns? Also, ich heiße Egon Eiche und stehe hier so seit 200 Jahren im Naturpark Kyffhäuser. Ja, ja, äh, was wollte ich eigentlich erzählen? Ach ja, von meiner Wetterfühligkeit.

    Wir Eichen sind ja im Verein mit den Eschen besser als der Kachelmann, ja? Während die moderne Wissenschaft kaum das Wetter für den nächsten Tag ordentlich voraussagen kann, wissen wir schon im Frühjahr, wie der Sommer wird. Gibt’s ’ne Bleiche, also wird der Sommer warm und trocken, lasse ich der Esche den Vortritt beim Grünen. Gibt’s ’ne Wäsche, also einen nassen Sommer, grüne ich zuerst.

    Ansonsten sind wir Eichen ja sehr genügsam und brauchen nicht viel Wasser. Deshalb kommen wir im Kyffhäuser auch so gut zurecht, denn viel regnet’s hier nicht. Bloß Gewitter gefällt uns nicht so, weil wir immer Angst haben, dass uns der Blitz trifft. Denn durch unsere tiefgehende Pfahlwurzel und den hohen Gerbsäureanteil im Holz sind wir der schnellste Weg für den Blitz, die Spannungsunterschiede auszugleichen.

    Viele Völker wie Griechen, Römer und Germanen dachten deshalb, wir hätten was mit dem Wettergott. Aber ich kann euch sagen, da war absolut nichts. Das Ganze hat sich dann in dem Merkspruch für das Verhalten bei Gewitter niedergeschlagen: „Vor den Eichen sollst du weichen, und die Weiden sollst du meiden. Zu den Fichten flieh mitnichten, doch die Buchen musst du suchen.“

  10. Geschichte 10: Obstbäume

    Früher wurden Eicheln zu Mehl gemahlen, heute sind Äpfel und Birnen beliebter. Doch viele der rund 50.000 Obstbäume um den Kyffhäuser werden gar nicht mehr abgeerntet – Egon erinnert an Frau Holle und die Pechmarie.

    Text zum Mitlesen: Obstbäume

    Mein linker Ast … Erwähnte ich eigentlich schon meinen Namen? Egon Eiche. Ja, Egon Eiche, so nenne ich mich hier im Naturpark Kyffhäuser. Am liebsten wäre ich ja Anton Apfelbaum, dessen Früchte sind viel beliebter bei euch Menschen als meine.

    Früher mal, ja, da wurden meine Eicheln auch zu Mehl vermahlen und zu Brot verbacken. Aber den Menschen ging es dann immer besser, und sie fanden die Eicheln zu bitter, um sie zu essen. Die Gräser bekamen durch Zucht immer größere Körner und wurden wichtigster Mehllieferant. Auch die unscheinbaren Holzbirnen, Haferpflaumen und Vogelkirschen wurden immer größer und süßer.

    Aber heute werden auch ihre Früchte mit Missachtung gestraft, ja. Keiner will die alten einheimischen Obstbäume mehr abernten. So stehen heute 50.000 Obstbäume in der Umgebung des Kyffhäusers und singen zur Erntezeit den Vers aus Frau Holle: „Schüttle mich, schüttle mich, die Äpfel sind schon alle reif.“ Vielleicht denkt ihr ja mal darüber nach, was im Märchen mit der Pechmarie passierte, die diese Bitte nicht erfüllte.

  11. Geschichte 11: Buchen

    Eiche gegen Buche: Die Buche ist heute der häufigste Laubbaum in Deutschland. Egon erklärt, warum die Eichen im Kyffhäuser dank der Niederwaldwirtschaft lange die Oberhand hatten.

    Text zum Mitlesen: Buchen

    Oh, meine Pfahlwurzel! Hab ich mich schon vorgestellt? Also, ich heiße Egon Eiche und stehe seit zweihundert Jahren im Naturpark Kyffhäuser. Wovon wollte ich eigentlich sprechen? Ach ja, von der Buche.

    Wir ringen ja schon lange um die Vorherrschaft im deutschen Wald. Was Licht und Wasser angeht, kommen wir beide mit wenig aus. Aber die Buche ist so gemein, dass sie mit ihrem für andere Pflanzen giftigen Laub keinen groß werden lässt. Wo Buchenlaub liegt, werden nur Buchen wieder groß. Und deshalb ist sie heute der häufigste Laubbaum in Deutschland.

    Natürlich, im Kyffhäuser hatte ich lange den Vorteil, dass Niederwaldwirtschaft betrieben wurde. Das heißt, dass die Leute der umliegenden Ortschaften alle 15 bis 20 Jahre vorbeikamen und die Bäume absägten, um Brennholz für den Winter zu haben. In so kurzer Zeit konnten wir natürlich noch keine Früchte tragen. Das heißt, wir konnten uns nicht durch Samen vermehren, sondern nur durch Stockausschläge. Die Buchen können das aber nicht so gut wie wir. Dadurch wurde meine Sippe wenigstens im 17. Jahrhundert die Großmacht im Kyffhäusergebirge.

  12. Geschichte 12: Holznutzung

    Holz war vom Mittelalter bis vor rund 150 Jahren der wichtigste Bau- und Brennstoff. Egon erzählt, wie Raubbau und Schafherden den Kyffhäuser vor 400 Jahren fast kahl werden ließen – und warum die Salinen trotzdem weiter Holz bekamen.

    Text zum Mitlesen: Holznutzung

    Mein linker Ast! Ei, ei, ei. Entschuldigung, kennen wir uns? Also, ich heiße Egon Eiche und stamme aus dem Naturpark Kyffhäuser. Wo wurde ich denn unterbrochen? Ach ja, bei der Bewaldung des Kyffhäusergebirges mit Eichen.

    Unter Barbarossa gehörte der Wald dem Big Boss, dem Kaiser. Und dieser verlieh Waldstücke an ortsansässige Grafen und die Kirche. Diese behandelten das Geliehene schlecht und betrieben Raubbau. Vom Mittelalter bis vor 150 Jahren war Holz der wichtigste Bau- und Brennstoff. An einem Haus gab’s nur wenig, was nicht aus Holz war: das Fachwerk, die Dielen, die Schindeln und so weiter. Außerdem Räder, Geschirr, Löffel, Rebpfähle – dies alles ging auf unsere Kosten.

    Dann wurden auch noch große Schafherden durch die immer kleiner werdenden Wälder getrieben. Kein Wunder, dass vor 400 Jahren fast keine Bäume mehr da waren. Der Kyffhäuser war fast kahl. Da mussten die Grafen erkennen, dass sie das Huhn geschlachtet hatten, das goldene Eier legte. Sie erließen umfangreiche Regelungen zum Schutz und Wiederaufbau ihrer Wälder. Aber die Salinen in Frankenhausen hatten noch genügend gewichtige Argumente, um die Fürsten weiterhin zum Verkauf des Holzes zu zwingen: ihr Geld.

  13. Geschichte 13: Saline

    Seit der Eisenzeit wird bei Frankenhausen Salz gesiedet – und dafür wurden ganze Wälder verfeuert. Egon erzählt von Gradierwerken, die Holz sparten, und davon, wie Dr. Manniske mit der Heilkraft der Sole das Kurbad begründete.

    Text zum Mitlesen: Saline

    Aua, mein rechter Ast! Ei, ei, ei. Oh, Entschuldigung, kennen wir uns? Also, ich heiße Egon Eiche. Wovon wollte ich eigentlich sprechen? Von den Salinen, äh, ja, Salinen.

    Schon seit der frühen Eisenzeit wurde in der Gegend Salz gesiedet. Und 1600 Jahre später, im Jahr 998, wird die Salzgewinnung in Frankenhausen dann in einer Urkunde Ottos III. erwähnt. Und am Ausgang des Mittelalters wurden in Frankenhausen ganze 4 Prozent der Salzproduktion des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation produziert. Zu diesem gehörte immerhin eine Stadt wie Salzburg. Das war schon beachtlich.

    Aber für uns Bäume war das gar nicht gut. Die Sole wurde nämlich über großen Holzkohlefeuern eingedampft. Und bei bis zu 7000 Tonnen Salz Jahresproduktion wurden nahezu ganze Wälder verfeuert. Um 1800 baute man dann zum Anreichern der Sole Gradierwerke. In diesen tropfte die Sole über Schlehdorngestrüpp. Das Wasser verdunstete an der Luft, und man sparte viel Holz ein.

    Rechtzeitig für uns fiel Frankenhausen in der Wirtschaftlichkeit seiner Salinen hinter die Saline Arterns zurück. Der Frankenhäuser Arzt Dr. Manniske erkannte die heilsame Wirkung der hiesigen Sole. Damit begann Frankenhausens Entwicklung zum Kurbad.

  14. Geschichte 14: Bäume

    Die Germanen glaubten, die Welt sei aus einer Esche entstanden, und verehrten die Eiche als heiligen Baum Donars. Egon erzählt, warum christliche Missionare Eichen fällten – und warum später wieder verstärkt Eichen gepflanzt wurden.

    Text zum Mitlesen: Bäume

    Meine rechte Wurzel! Oh, kennen wir uns? Mein Name ist Egon Eiche, und ich komme aus dem Naturpark Kyffhäuser. Jetzt haben sie mich hierher verpflanzt. Doch wo war ich stehen geblieben? Na klar, bei uns Bäumen.

    Die Germanen machten Werkzeuge, Töpfe, Räder, Waffen und vieles mehr aus Eschenholz. Darum dachten sie, dass die ganze Welt aus einer Esche entstanden sei. Die Bezeichnung „Asch“ für einen Topf, wie sie heute noch in einigen Gegenden Deutschlands gebraucht wird, stammt daher.

    Dann lernten die Germanen uns, die Eichen, kennen. Unser Holz war ideal zum Bau von Schiffen, Häusern und Fässern. Und sie verehrten uns als Donars heiligen Baum, weil der Blitz gern in uns einschlug. Das wurde zeitweise meinen Artgenossen zum Verhängnis, denn die christlichen Missionare hackten uns Eichen ab, um zu beweisen, dass Donar schwach sei, auf dass sich die Sachsen zu Christus bekehrten. Später dann pflanzten sie aber verstärkt Eichen, um ihre Schweine mit den Eicheln zu mästen. Also: rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Da kann man schon seinen Kopf verlieren.

  15. Geschichte 15: Buch

    Warum heißt es Buchstaben und nicht Eichstaben? Egon, ein wenig neidisch auf seine Cousine, die Buche, räumt mit einer beliebten Erklärung für das Wort „Buch“ auf – und bringt die Birkenrinde ins Spiel.

    Text zum Mitlesen: Buch

    Hoppla! Stolpern Sie nicht über meine rechte Wurzel! Entschuldigung, kennen wir uns? Also, ich heiße Egon Eiche und stehe so seit 200 Jahren im Naturpark Kyffhäuser. Was wollte ich eigentlich erzählen? Hm, ah, über mich und meine Cousine, die Buche, ja.

    Na ja, obwohl mein Holz vielseitiger verwendbar war als das der Buche, ist das Wort Buche in mehr Wörtern enthalten als Eiche. Oder wisst ihr, warum man Buchstaben und nicht Eichstaben sagt? Dass die Verwendung von Buchenplatten zum Beschreiben schuld an der Bezeichnung Buch ist, ist nicht haltbar. Denn unbehandeltes Buchenholz hat ungefähr die Lebensdauer eines Papiertaschentuches. Und darauf würdet ihr doch keine Nachricht für die Nachwelt hinterlassen, oder? Ja, da könnte man schon eher Birk statt Buch sagen, weil viel auf Birkenrinde geschrieben wurde. Ja, ja.

  16. Geschichte 16: Müntzer

    Egon erzählt vom großen deutschen Bauernkrieg: Thomas Müntzer führte die mitteldeutschen Bauern an, 1525 unterlagen sie bei Frankenhausen den Fürsten. Erst um 1848 wurden die Bauern endgültig von Frondiensten befreit.

    Text zum Mitlesen: Müntzer

    Oh, diese Schmerzen! So muss sich Thomas Müntzer unter der Folter gefühlt haben. Ach, ich war etwas abgeschweift. Hatte ich mich schon vorgestellt? Mein Name ist Eiche. Egon Eiche. Seit 200 Jahren stehe ich im Naturpark Kyffhäuser. Wovon wollte ich denn gerade erzählen? Von Thomas Müntzer und dem großen deutschen Bauernkrieg.

    Im Mittelalter wurden die Belastungen für die Bauern immer größer. Kirche und Adel saugten sie aus bis aufs Blut. Die Angst vor der Hölle wich, denn schlimmer als das Leben konnte die Hölle auch nicht sein. Durch die Reformation brachte Luther eine Lawine ins Rollen. Denn Anhänger Luthers, wie der Prediger Thomas Müntzer, gingen weit über dessen Forderungen hinaus und behaupteten, dass die Leibeigenschaft nicht gottgegeben sei. Die Bauern in Süd- und Mitteldeutschland begannen sich zu erheben. Thomas Müntzer stellte sich an die Spitze der mitteldeutschen Bauern.

    Im Jahre 1525 kam es schließlich bei Frankenhausen zur Entscheidungsschlacht auf dem Schlachtberg. Die Bauern setzten dabei mehr auf Gott denn auf Taktik und verloren. Die Rache der Fürsten war grausam. Viele Aufständische, unter ihnen auch Müntzer, wurden gefoltert und hingerichtet. Den Überlebenden wurden noch höhere Abgabenlasten aufgebürdet. Mehr als 300 Jahre herrschte weiter Unterdrückung in deutschen Landen. Erst zu meiner Zeit, um 1848, wurden die Bauern in ganz Deutschland endgültig von Frondiensten und Abgaben befreit.

  17. Geschichte 17: Wein

    Mönche brachten den Weinbau an die sonnigen Hänge des Kyffhäusers: 1592 war fast ein Viertel der Frankenhäuser Flur Weingarten. Egon erzählt, warum der Wein nach dem Dreißigjährigen Krieg verschwand – und wo heute noch ein Rebhang an ihn erinnert.

    Text zum Mitlesen: Wein

    Oh, mein linker Ast, hört denn das nie auf? Oh, Entschuldigung, kennen wir uns? Also, ich heiße Egon Eiche und stehe hier so seit 200 Jahren im Naturpark Kyffhäuser. Was wollte ich eigentlich erzählen? Über den Weinbau in und um Bad Frankenhausen.

    In der Gegend gab es ja mehrere Klöster. Man kann sagen: Was nicht den Fürsten gehörte, gehörte der Kirche. Den Klosterturm von Göllingen könnt ihr heute noch besichtigen. In Frankenhausen selbst gab es ein Zisterzienser-Nonnenkloster. Neben der christlichen Botschaft brachten die Mönche auch die Geheimnisse der Weinbereitung in unsere Gegend. Denn sie hatten schon früh erkannt, dass unser mildes Klima ideal zum Weinbau war. So bauten sie und später auch Bürger der Stadt Frankenhausen an den Süd- und Südwesthängen des Kyffhäusergebirges Wein an.

    Tja, 1592 gehörten zu Frankenhausen 685 Hektar landwirtschaftlich genutzte Flächen, davon fast ein Viertel Weingärten. Die Stadt schützte ihre Weinbauern, indem sie den Auf- und Verkauf fremden Weins verbot. Dies änderte sich aber in den nächsten Jahrzehnten. In den Wirren des Dreißigjährigen Kriegs verkamen die Weingärten vor der Stadt. Die klimatischen Bedingungen für den Weinbau verschlechterten sich. Die Bevölkerung verarmte so, dass sie sich nur noch das billigere Bier leisten konnte. Heute erinnert nur noch der kleine Rebhang in der Naturparkstation an den Weinbau in Frankenhausen.

  18. Geschichte 18: Wiederaufforstung

    Im 20. Jahrhundert wurde der Kyffhäuser großteils wieder bewaldet. Warum Landschaftspfleger trotzdem Büsche und junge Birken entfernen, erzählt ein etwas grummeliger Egon: Orchideen, Adonisröschen und Graslilien brauchen offene, sonnige Flächen.

    Text zum Mitlesen: Wiederaufforstung

    Autsch! Ei, ei, ei, mein rechter Ast. Entschuldigen Sie, kennen wir uns? Ich heiße Egon Eiche. Seit 200 Jahren stehe ich im Naturpark Kyffhäuser. Ja, doch, doch, worüber wollte ich erzählen? Ah, über die Wiederaufforstung des Kyffhäusers, richtig.

    Im 20. Jahrhundert hatten die Förster dafür gesorgt, dass sich das Gebirge zum größten Teil wiederbewaldet hatte. Aber die Naturschützer schrien: Halt, stopp! Nur Wälder, das gefiel ihnen nämlich auch nicht. Um irgendwelche mickrigen Pflänzchen wie Knabenkraut, Hungerblümchen, Adonisröschen, Graslilien und Ähnliche zu schützen, mit denen doch eigentlich kein Staat zu machen ist, entbuschen die selbst ernannten Landschaftspfleger die Landschaft.

    Besonders hart ist es für meine Verwandte – man kann schon fast entfernte Verwandte sagen –, die Birke. Denn wo sie auch nur mit ihrem Kopf auf dem Rasen auftaucht, steht schon ein Landschaftsschützer mit der schweren Plaggenhacke bereit und macht sie um denselben kürzer. Nur damit sich dann diese Orchideen in der Sonne aalen können.

  19. Geschichte 19: Kraniche

    Jeden Herbst rasten Tausende Kraniche auf dem Weg von Skandinavien nach Spanien in der Helmeaue. Egon trägt dazu Wilhelm Buschs Gedicht „Der kluge Kranich“ vor – vom Kranich Hans, der auf einem Bein Wache hält.

    Text zum Mitlesen: Kraniche

    Oh, meine rechte Wurzel! Kennen wir uns vielleicht? Haben Sie nicht damals mit dem Taschenmesser … Schwamm drüber. Mein Name ist Egon Eiche. Ich stamme aus dem Naturpark Kyffhäuser.

    Jetzt fliegen sie wieder, die Kraniche. Jedes Jahr im Herbst machen Tausende Kraniche auf ihrer Tour von Skandinavien nach Spanien drei bis sieben Wochen hier bei uns in der Helmeaue Rast. Klar, ich weiß nicht, ob der Mais, mit dem sie hier gefüttert werden, besonders lecker ist. Jedenfalls werden es von Jahr zu Jahr mehr Kraniche.

    Auch da gibt es ein Gedicht. Keine Angst, nicht das von Schiller, nein. Eins von Wilhelm Busch: „Der kluge Kranich“.

    „Ich bin mal so“, sprach Förster Knast, / „die Flunkerei ist mir verhasst, / doch sieht man oft was Sonderbares. / Im Frühling vor fünf Jahren war es, / als ich stockstill, den Hahn gespannt, / beim Mondlicht vor dem Walde stand. / Da ließ sich plötzlich flügelsausend / ein Kranichheer, wohl an die tausend, / ganz dicht zu meinen Füßen nieder. / Sie kamen aus Ägypten wieder / und dachten auf der Reise nun / sich hier ein Stündchen auszuruhn. / Ich, selbstverständlich schlau und sacht, / gab sehr genau auf alles Acht.

    Du, Hans, so rief der Oberkranich, / hast heut die Wache, drum ermahn ich / dich ernstlich: Halt dich stramm und pass / gehörig auf, sonst setzt es was! / Bald schlief ein jeder ein und sägte, / Hans aber stand und überlegte. / Er nahm sich einen Kieselstein, / erhob ihn mit dem rechten Bein / und hielt sich auf dem linken nur / in Gleichgewicht und Positur.

    Der arme Kerl war schrecklich müd, / erst fiel das linke Augenlid, / das rechte blinzelt zwar noch schwach, / dann aber folgt es dem andern nach. / Er schnarcht sogar. Ich denke schon: / Wie wird es dir ergehn, mein Sohn? / So denk ich, doch im Augenblick, / als ich es dachte, geht es klick. / Der Stein fiel Hänschen auf die Zehe, / das weckt ihn auf, er schreit: Au weh! / Er schaut sich um, hat mich gewittert, / pfeift, dass es Mark und Bein erschüttert, / und alsogleich im Winkelflug / entschwebt der ganze Heereszug.

    Ich rief Hurra und schwang den Hut. / Der Vogel, der gefiel mir gut. / Er lebt auch noch. Schon oft seither / sah man ihn fern am Schwarzen Meer / auf einem Bein auf Posten stehn. / Dies schreibt mein Freund, der Kapitän. / Und was er sagt, ist ohne Frage / so wahr, als was ich selber sage.“

  20. Geschichte 20: Gerbsäure

    Gerbsäure macht Eichenholz begehrt: Aus der Rinde gewannen Gerber die Lohe, aus Galläpfeln stellte man Tinte her, und in Eichenfässern bekommt der Wein feine Aromen. Egon erklärt, wie das funktioniert.

    Text zum Mitlesen: Gerbsäure

    Hoppla! Stolpern Sie nicht über meine Wurzel! Entschuldigung, kennen wir uns? Also, ich heiße Egon Eiche und stehe seit 200 Jahren im Naturpark Kyffhäuser. Was wollte ich eigentlich erzählen? Ach ja, über die Gerbsäure. Die ist dran schuld, dass unser Holz so begehrt wird.

    Aus unserer zerkleinerten Rinde machten die Gerber die Lohe, um das Leder haltbar zu machen. Die Gerbsäure ist auch konzentriert in den Galläpfeln auf unseren Blättern enthalten. Mit Eisen bildet sie eine schwarzblaue Verbindung. So hat man früher Tinte hergestellt.

    Unser Holz wird durch die Gerbsäure haltbarer und besonders gern von den Küfern zum Bau von Fässern verwendet. Wenn die Gerbsäure nämlich mit den Fuselalkoholen, die im jungen Wein sind, zusammentrifft, bilden sich Ester. Und während weder Gerbsäure noch Fuselalkohole schmecken, haben die Ester die herrlichsten Aromen: Schwarze Johannisbeere, Himbeere oder Rhabarber. Ja, ja, so mancher Wein wird durch uns erst richtig gut.

  21. Geschichte 21: Eremit

    In Egons abgestorbenem Ast hat sich der Eremit eingenistet, ein seltener Käfer, dessen Larven morsches Eichenholz fressen. Ein Wortgefecht zwischen Baum und Käfer – mit einem Spottgedicht und einem Vers von Heinrich Heine.

    Text zum Mitlesen: Eremit

    Oh, dieser rechte Ast! Da bin ich ja schon so abgestorben, dass sich der Eremit eingenistet hat. Der frisst meine morschen Knochen. Oh, ich vergaß, mich vorzustellen: Ich heiße Egon Eiche und wachse seit etwa 200 Jahren im Naturpark Kyffhäuser.

    – Nun hab dich mal nicht so.

    – Äh, wer spricht da?

    – Na, ich.

    – Äh, wer: ich?

    – Na, ich, der Eremit. Über mich gibt es sogar ein Gedicht, ich rezitiere mal: Der Eremit ist dick und groß, / er hasst die Nebenmenschen bloß. / Er liebt nur deine Klause / und bleibt daher zu Hause. / Die ganze Welt ist ihm Pomade, / die Nebenmenschen sagen: Schade. / Das aber rührt den Teufel nicht, / hat er nur stets sein Leibgericht. / So ist ihm alles piepe, / der Hass und auch die Liebe. Tja, und mein Leibgericht bist nun mal du.

    – Blödes Gedicht. Ich schätze, der Dichter wird damit nicht die Butter aufs Brot verdient haben. Wer weiß, ob er nicht gar Hungers gestorben ist. Aber nimm mal diesen Vers, der ist von Heine: Ich hatte einst ein schönes Vaterland. / Der Eichenbaum / stand dort so hoch, die Veilchen nickten sanft. / Es war ein Traum.

    – Der Heine ist auch nicht in seinen Wänden gestorben.